Früher wird alles besser.

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© Fotos: Katt Senn

Mitten im Goldrausch der Realzeit starren wir wie der Hase die Schlange die Gegenwart an. Mit Einkaufstüten bewaffnet eilen wir durch Fußgängerzonen und kommen doch nicht von der Stelle. Die Vergangenheit fällt uns unbemerkt aus den Taschen und die Zukunft scheint schon verbaut, bevor sie eingetreten ist. Sollen wir uns mit dem Bissen Zukunft begnügen, den uns eine Minderheit zuwirft wie Hunden die abgenagten Knochen eines üppigen Mals?

Vorwärts durch die Vergangenheit und dann zurück in die Zukunft.

Zeit ist Geld. Dies erste Gebot der Kirche des Kapitals stellen die Vereinigten Vergangenheiten in Frage. Das Kapital hat die Zeit erobert. Die Vergangenheit erstickt es zu Tode. Die Zukunft wird funktional vergewaltigt. Alles ökonomische Potential wird aufgeboten für eine totale Besetzung mit Gegenwart, zur Auslöschung von Vergangenheit und zur Auslöschung von Zukunft.

Ohne die Kraft der Vergangenheit und der Zukunft haben wir es mit einer Zivilisation in klinisch totem Zustand zu tun, die an massenhaft lebenserhaltende Apparate angeschlossen wird und die in der planetaren Atmosphäre einen signifikanten Gestank verbreitet.
Es ist an der Zeit, die Toten unter dem Teppich hervorzuholen und sie zum Leben zu erwecken. Die Geister der Vergangenheit dürfen nicht zu Phantomen werden, die uns nachts heimsuchen. Angst ist kein guter Begleiter. Stattdessen fordern wir die Befreiung der Vergangenheit vor dem Vergessen. Das bedeutet, die Hoffnungen derer, die mit ihr im Herzen gestorben sind, in die Gegenwart zu holen. Und wir fordern die Befreiung der Zukunft. Die Befreiung der Zukunft bedeutet, sie nicht aufzuschieben, sondern sie vorwegzunehmen und zu verwirklichen im Hier und Jetzt.
In Freundschaft mit unserer Zeit und der Zeit anderer können wir mit offenem Blick in die Zukunft sehen.

Doch wie leben wir? In massenhafter Vereinzelung. Wir erleben die Individualisierung aller Bedingungen – des Lebens, der Arbeit, sogar des Unglücks.
Je mehr wir sein wollen, desto mehr haben wir das Gefühl der Leere. Je mehr wir uns ausdrücken, desto mehr trocknen wir aus. Denn allem Sinnhaften, das keine ökonomische Relevanz hat, wird der Sinn entzogen. So haben wir keine Erdung mehr und empfinden die Illusion, die Zeit laufe uns davon, als Realität. Das schafft diffuse Schizophrenie und schleichende Depression und indifferentes Misstrauen. Wir atomisieren in feine paranoide Partikel. Je mehr wir hinter uns herlaufen, desto erschöpfter sind wir. Ich betreibe, du betreibst, wir betreiben unser Ich wie einen stumpfsinnigen Bankschalter. Soziales Miteinander verkommt zum Networking. Lebenszeit im Ausverkauf. Sogar diese Hausbesetzung ist gekauft.

Zeit ist kein Geld. Keine Zukunft war gestern.

Kunst ist Selbstverteidigung gegen eine zur Wirklichkeit gewordenen Illusion, mit der man nicht fertig wird. Und das ist die Chance, dass die Kunst zur Angriffswaffe gegen diese Realität wird. Die Gefahr ist: Wenn die Kunst versucht die Schlange zu sein, wird das Publikum zum Kaninchen. Dann sind wir verloren. Die Hoffnung ist, dass sich das Publikum emanzipiert und auch zur Schlange wird.

Man will aus uns sauber abgegrenzte, sauber getrennte Ichs machen, nach Beschaffenheit klassifizierbar und in Statistiken erfassbar, kurz: kontrollierbar.
Doch keine Biographie passt in die Statistik. Und ohne Biographien gibt es keine Geschichte. Wir können nur arbeiten, wenn jeder seine Einzelbiographie behauptet – und dann möglichst noch ein paar weitere Biographien von Leuten, die uns nahestehen. Das ist das, was wir politisch tun können. Jeder Staat versucht, Biographien zu nivellieren, Biographien zu unterdrücken, indem er sie homogenisiert und in irgendeine Totalität zwingt.
Das Stehlen der Biografie macht aus uns Scheinindividuen ohne Geschichte. Ebenso wie die absolute Besetzung mit Gegenwart Vergangenheit und Zukunft ausgrenzt, werden wir zu sauber abgegrenzten Ichs.

Für die Vereinigten Vergangenheiten sind alle Biographien bedeutsam. Alles ist gleich gültig. Es geht uns um komplexe, miteinander in Beziehung stehende Systeme. Wir glauben an ein Universum, das offen und in sich geschlossen zu gleich ist. Wir glauben an die spiralförmig verlaufende Zeit und nicht an den linearen Fortschritt. Der Verlauf der Dinge verfolgt keine nachvollziehbare Logik. Er ist voller Überraschungen und Interventionen des Zufalls, die neue alte Möglichkeiten eröffnen. Ohne Kontrollverlust sind wir nicht fähig, diese wahrzunehmen.

Zukunft wagen beginnt also mit Loslassen. Mit dem Eingeständnis, dass es Dinge gibt, die sich unserer Kontrolle entziehen ist der erste Schritt in eine wirkliche Freiheit.
Intime Kenntnis des anderen und Vertrautheit sind Grundbedingungen für diesen Kontrollverlust. Denn nur wer angstfrei, gestützt durch den jeweils anderen, in die Welt blickt, sieht die Weite der Zukunft und nicht die Enge des ökonomischen Wachstums.

Das Wissen um unsere Beziehung zum anderen schützt uns davor, ihn funktional zu fixieren. Vielseitigkeit führt zu Widerstandsfähigkeit. Die Vereinigten Vergangenheiten sind Vergangenheitsrecycling und Zukunftsarchäologie. Wir montieren die Vergangenheit nach zufälligem Entdecken hin auf unklare Ergebnisse, die offen sind und nicht mit gängigen Normen zu beurteilen sind. Sie bieten anderen die Möglichkeit, sich anzudocken, anzuschmiegen an die offenen Enden. Elemente des bereits bestehenden treten in Dialog zueinander und fusionieren. Erzeugung und Verwendung sind nicht voneinander trennbar. Der Prozess ist das Ziel, das Ziel ist der Prozess.

Welche Biographien, welche Geschichten also haben die Vereinigten Vergangenheiten gesammelt?

Die Geschichte der einzigen erfolgreichen Hausbesetzung in Bayern, nicht weit von hier, am Martin-Luther-Platz.
… der Tochter, die die Kindheitserinnerungen ihres Vaters erzählt, als seien es ihre eigenen.
… der Satzzeichen. Die zunächst individuell vorgenommen wurden, erst durch den Buchdruck begannen zu allgemeingültigen Systemen zu werden und durch die heutige Technik wieder verloren gehen.
…des Architekten, der sein Haus in der DDR in weiser Vorausschau für Zeiten der Wiedervereinigung von DDR und BRD konzipierte.
…der ersten schriftlich fixierten Verfassung auf europäischem Boden.
…des Friseurs in Boos, der gegen den Willen des örtlichen Pfarrers Kondome in seinem Laden verkaufte.
…des Fährmanns, der seinen Fährbetrieb nie kommerziell ausgebaut hat. Der in der Vergangenheit geblieben ist und sich genau deshalb in der Zukunft befindet.
…der Balletttänzerin, die in Memmingen ihre Karriere in der einzigen deutschen international tourenden Company begann, dort Anfang der 60er in einer Frauen-WG wohnte und ihre große Liebe kennenlernte.
…der Holzkrippe eines bildenden Künstlers aus Oberstaufen, die in die USA verschifft werden sollte und nach dem Untergang des Schiffes fünf Jahre im Meer trieb, bis sie von einem Jungen an der dänischen Küste wiedergefunden wurde.
…einer Kneipe, die lange Epizentrum der Memminger Subkultur war, ein Ort für alle, und dessen Aussterben scheinbar die ganze Stadt auch noch heute betrauert.
…eines Münzfundes in Niederrieden, von dem niemand weiß.
…einer von Lourdes nach Niederrieden verlegten Grotte, die beweist, dass der Glaube an Wunder Berge versetzen kann.
….viele, viele andere Geschichten sind hier versammelt.
Und nicht zuletzt die Geschichte eines Energiebüros, das ein altes verfallenes Haus wiederbelebt.

Dieses Gebäude, die alte Mohrenapotheke, befindet sich im Prozess. Es wurde in den letzten vier Wochen mittels Memminger Lebensenergie aus dem Todesschlaf gerissen und neu belebt. Wir haben es aus der Vergangenheit zurückgeholt in die Gegenwart und dadurch hat es die Chance auf eine neue Zukunft. Viele Menschen waren hier, zum ersten Mal, zum zweiten Mal und immer wieder. Sie versammelten sich hier freitags abends zur Kohlen-Bar. Menschen begegneten sich, die sich so sonst nicht begegnet wären. Erste Visionen entstanden, wie es mit diesem Haus weitergehen wird.
Heute Abend feiern wir den Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft. Wir feiern das Energiebüro ab und setzten das Zukunftskraftwerk in Betrieb.

Das Zukunftskraftwerk ist eröffnet!